Serotoninmangel: 5 Ursachen, die kaum jemand prüft

Inhalt dieses Artikels

  • Ein Wirkprinzip für sehr viele verschiedene Beschwerden
  • Was ein SSRI tut — und was er voraussetzt
  • Wie ein Serotoninmangel überhaupt entsteht
  • Und wenn dein Körper diese Stoffe verliert?
  • Warum dein Arzt nach dem Schlaf fragt
  • Die fünfte Ursache: Wie Entzündung einen Serotoninmangel auslöst
  • Die ehrliche Einordnung
  • Was das für deinen Serotoninmangel bedeutet

Es fängt selten mit einer Sache an.

Zuerst ist es das Herz, das nachts plötzlich rast, obwohl nichts passiert ist. Dann kommt vielleicht Schwindel dazu. Der Bauch, der macht, was er will. Die Erschöpfung, die kein Schlaf mehr wegnimmt. Nächte, in denen du wach liegst und der Körper einfach nicht runterkommt.

Du gehst zum Arzt. Du gehst zum nächsten. Du lässt Blut abnehmen, EKG schreiben, Ultraschall machen.

Und dann sitzt du da mit einem Befund, in dem nichts steht.

Irgendwann fällt das Wort. Vielleicht freundlich verpackt, vielleicht auch nicht: psychisch. Oder psychosomatisch.

Ab diesem Moment ändert sich etwas. Nicht in deinem Körper — der macht weiter, was er vorher gemacht hat. Sondern darin, wie man dir zuhört. Und darin, wie du selbst über dich denkst.

Vielleicht bekommst du irgendwann auch ein Rezept.

Und dann wird es interessant. Denn sobald eine Beschwerde als psychisch eingeordnet ist, greift die Medizin sehr häufig zu einer einzigen Wirkstoffgruppe: den Antidepressiva vom Typ der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Das gilt längst nicht nur bei Depressionen. Auch bei Angst- und Panikstörungen, bei Zwangsstörungen und sogar bei körperlichen Beschwerden ohne klaren Befund — Reizdarm, Fibromyalgie, chronische Schmerzen — stehen diese Medikamente weit oben auf der Liste.

Vielleicht kennst du das aus eigener Erfahrung. Vielleicht auch nicht — nicht jede bekommt ein Rezept, und nicht jede will eines.

Aber die Frage dahinter betrifft dich trotzdem. Denn sie lautet: Warum eigentlich immer Serotonin?

Was dabei fast nie geprüft wird: ob dein Körper überhaupt in der Lage ist, ausreichend Serotonin zu bilden. Ein Serotoninmangel kann nämlich sehr handfeste körperliche Ursachen haben — und die stehen auf kaum einem Anforderungsschein.

Ein Wirkprinzip für sehr viele verschiedene Beschwerden

Die am häufigsten verschriebenen Medikamente in diesem Bereich heißen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI. Dazu gehören Wirkstoffe wie Sertralin, Escitalopram, Citalopram, Fluoxetin und Paroxetin.

Und jetzt schau dir an, wofür diese eine Wirkstoffgruppe zugelassen ist:

Depression
Zwangsstörung
Panikstörung, mit und ohne Agoraphobie
soziale Angststörung
generalisierte Angststörung
posttraumatische Belastungsstörung
Bulimie

Dazu kommen Anwendungen außerhalb der Zulassung, die im Alltag trotzdem verbreitet sind: Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie, prämenstruelles Syndrom, Hitzewallungen in den Wechseljahren, chronische Schmerzen.

Das sind Beschwerden, die sich völlig unterschiedlich anfühlen. Zwang und Reizdarm haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Panik und Hitzewallungen auch nicht. Und bei keiner davon wird ein möglicher Serotoninmangel gemessen.

Und trotzdem greift man in all diesen Fällen an derselben Stelle ein — an einem einzigen Transportmechanismus für einen einzigen Botenstoff.

Vielen Menschen hilft das tatsächlich, und ich will hier nichts schlechtreden. Ich habe mich nur irgendwann gefragt: Wie kann es sein, dass ein und dasselbe Wirkprinzip bei so vielen verschiedenen Beschwerden ansetzt?

Für mich gibt es darauf zwei mögliche Antworten. Entweder ist Serotonin an sehr viel mehr beteiligt, als man landläufig denkt. Oder diese Beschwerden haben mehr gemeinsam, als ihre Namen vermuten lassen.

Wie sich herausgestellt hat: Beides stimmt.

Was ein SSRI tut — und was er voraussetzt

Der Name sagt schon, was passiert: Serotonin wird nach der Signalübertragung normalerweise wieder in die Nervenzelle zurücktransportiert. Ein SSRI blockiert diesen Transporter. Dadurch bleibt mehr Serotonin im Spalt zwischen den Zellen, und das Signal wirkt länger.

Das ist ein sinnvoller Eingriff. Er setzt allerdings etwas voraus — nämlich dass überhaupt genug Serotonin da ist, das man länger wirken lassen kann.

Und genau hier hört die Erklärung meistens auf.

Mich hat das nie zufriedengestellt. Ich wollte verstehen, was im Körper tatsächlich passiert — nicht, wie man ein Symptom überdeckt, sondern wo es herkommt. Ein Medikament, das mehr Serotonin verfügbar macht, beantwortet ja nicht die eigentliche Frage:

Warum ist überhaupt zu wenig davon da? Woher kommt Serotonin? Und was, wenn ein Serotoninmangel schlicht daran liegt, dass dein Körper es gerade nicht bauen kann?

Auf der Suche nach den Ursachen für einen Serotoninmangel bin ich auf etwas gestoßen, das ich seitdem nicht mehr vergessen habe.

Wie ein Serotoninmangel überhaupt entsteht

Dein Körper stellt Serotonin nicht aus dem Nichts her. Er braucht dafür einen Baustein: Tryptophan, eine Aminosäure, die er nicht selbst herstellen kann. Du solltest sie also normalerweise über die Nahrung aufnehmen.

Tryptophan steckt vor allem in eiweißreichen Lebensmitteln: Haferflocken, Kürbiskernen, Cashews und Walnüssen, Hülsenfrüchten, Eiern, Käse, Fisch, Geflügel und Kakao.

Die erste mögliche Ursache für einen Serotoninmangel ist also schlicht: Isst du überhaupt genug davon? Wer wenig Eiweiß isst, wer aus Erschöpfung nur noch nebenbei isst oder wer seit Jahren eine sehr einseitige Ernährung fährt, liefert seinem Körper womöglich schon hier zu wenig.

Aber selbst wenn genug Tryptophan da ist, ist noch nichts gewonnen. Denn daraus muss erst Serotonin werden — und das passiert in zwei Schritten, für die dein Körper weitere Bausteine braucht.

Die 5 körperlichen Ursachen für einen Serotoninmangel im Überblick:

Zu wenig Tryptophan über die Nahrung — der Grundbaustein fehlt
Eisenmangel — das erste Enzym arbeitet ohne Eisen nur langsam
Zu wenig BH4 oder Folat — der Helfer, ohne den gar nichts anspringt
Vitamin-B6- und Zinkmangel — ohne sie bleibt der zweite Schritt stecken
Stille Entzündungen — sie leiten den Baustein auf einen anderen Weg um

Die ersten vier bremsen die Herstellung. Die fünfte ist die interessanteste, denn sie greift auch dann, wenn alles andere stimmt. Der Reihe nach.

Schritt eins braucht Eisen und einen Helfer namens BH4

Zuerst wird Tryptophan in eine Zwischenstufe umgewandelt, 5-HTP. Dafür ist ein Enzym zuständig, die Tryptophan-Hydroxylase. Und dieses Enzym arbeitet nur, wenn drei Dinge da sind: Sauerstoff, Eisen und BH4.

Was ist BH4? Die Abkürzung steht für Tetrahydrobiopterin. Das ist kein Vitamin und nichts, was du essen kannst — dein Körper stellt es selbst her, aus einem Baustein, den er immer vorrätig hat.

Stell es dir wie einen Zündschlüssel vor. Das Enzym ist der Motor. Tryptophan ist der Kraftstoff. Aber ohne den Schlüssel springt nichts an. BH4 wird bei jeder einzelnen Reaktion verbraucht und muss anschließend wieder aufbereitet werden — und für diese Aufbereitung braucht dein Körper unter anderem einen funktionierenden Folsäure-Stoffwechsel.

Und hier wird es für sehr viele Menschen persönlich. Es gibt eine häufige Genvariante namens MTHFR C677T, die genau dieses Recyceln betrifft. Etwa 35 bis 45 Prozent der Menschen europäischer Herkunft tragen mindestens eine Kopie davon, rund 10 bis 15 Prozent tragen zwei.

Wichtig ist dabei die richtige Größenordnung: Das Enzym fällt nicht aus. Mit einer Kopie arbeitet es noch mit etwa 65 Prozent der üblichen Leistung, mit zwei Kopien mit rund 30 Prozent. Es läuft also langsamer, nicht gar nicht.

Und genau deshalb trägt die Variante erst dann zu einem Serotoninmangel bei, wenn zusätzlich zu wenig Folat da ist. Bei guter Versorgung gleicht der Körper vieles aus. Bei schlechter nicht. Übrigens spielt auch Vitamin B2 eine Rolle — es hält dieses Enzym stabil.

Das ist für mich einer der Gründe, warum so viele Menschen heute an ähnlichen Stellen hängen: nicht weil ein Gen kaputt ist, sondern weil eine langsamere Variante auf eine Ernährung und einen Alltag trifft, die dem Körper wenig Spielraum lassen.

Und BH4 ist nicht nur für Serotonin zuständig. Dasselbe Molekül wird auch für Dopamin gebraucht und für die Bildung von Stickstoffmonoxid, das deine Gefäße weit stellt. Ist zu wenig davon da, betrifft das gleich mehrere Systeme auf einmal.

Jetzt zum Eisen. Das Enzym enthält ein Eisenatom, und nur in diesem Zustand kann es arbeiten. Ohne genug Eisen läuft der Schritt langsamer — und ein Serotoninmangel entsteht, obwohl reichlich Tryptophan vorhanden ist.

Und hier lohnt sich ein Moment zum Nachdenken: Wie viele Frauen haben einen Eisenmangel? Sehr viele. Durch die Menstruation, durch Schwangerschaften, durch eine eisenarme Ernährung, durch einen Darm, der nicht gut aufnimmt.

Dabei reicht es nicht, nur den Hämoglobinwert anzuschauen. Der kann normal sein, während die Speicher längst leer sind. Der Wert, der die Speicher zeigt, heißt Ferritin — und der wird bei Beschwerden wie Erschöpfung, Herzrasen oder Konzentrationsproblemen erstaunlich selten mitbestimmt.

Aber Ferritin allein reicht auch nicht.

Ferritin ist nämlich nicht nur ein Speicherwert. Es ist gleichzeitig ein sogenanntes Akute-Phase-Protein — es steigt an, wenn im Körper eine Entzündung läuft. Und zwar unabhängig davon, wie voll die Eisenspeicher tatsächlich sind.

Das heißt im Klartext: Du kannst einen echten Eisenmangel haben und trotzdem ein normales oder sogar erhöhtes Ferritin. Die Entzündung überdeckt den Mangel. Der Befund sieht in Ordnung aus, und du gehst mit „alles gut“ nach Hause, obwohl beides gleichzeitig da ist.

Deshalb gehört zu einem sinnvollen Eisenstatus mehr als ein Wert:

  • Ferritin für die Speicher
  • CRP als Entzündungsmarker — sonst weißt du nicht, ob du dem Ferritin überhaupt trauen kannst
  • Eisen im Serum und Transferrinsättigung für das, was gerade verfügbar ist
  • Blutbild für das große Ganze

Erst zusammen ergeben diese Werte ein Bild. Einzeln können sie in die Irre führen — und einen Serotoninmangel unentdeckt lassen.

Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte überhaupt: Bevor Medikamente verschrieben werden, sollten erst einmal die Werte auf dem Tisch liegen, die für diese Beschwerden tatsächlich relevant sind. Ferritin. Vitamin B6. Zink. Vitamin B12 und Folsäure. Die Schilddrüse. Nicht als Alternative zur Behandlung, sondern als Grundlage dafür. Sollte das nicht für jeden ganz logisch und auch selbstverständlich sein?

Und merk dir dieses Wort — Entzündung. Es kommt gleich noch einmal, und dann an entscheidender Stelle.

Schritt zwei braucht Vitamin B6

Aus 5-HTP wird dann Serotonin. Das übernimmt ein zweites Enzym, und dieses braucht Vitamin B6 — genauer gesagt seine aktive Form, Pyridoxal-5-Phosphat.

Ohne ausreichend B6 bleibt der Prozess auf halber Strecke stehen — auch das führt zu einem Serotoninmangel. Der Baustein ist da, die Zwischenstufe auch. Nur das Werkzeug fehlt.

Und B6 kommt selten allein: Damit dein Körper die aktive Form überhaupt herstellen kann, braucht er unter anderem Zink. Ein Zinkmangel bremst also indirekt denselben Schritt.

Und damit haben wir eine Liste, über die selten gesprochen wird: Tryptophan, Eisen, BH4, Folat, Vitamin B6 und Zink. Fehlt eines davon, kann dein Körper das Serotonin schlicht nicht bauen — ganz gleich, wie gut du dir zuredest.

Und wenn dein Körper diese Stoffe verliert?

Jetzt wird es für manche Familien besonders interessant — auch für meine eigene.

Es gibt eine Beobachtung, die weit zurückreicht. Ende der 1950er Jahre fand der Psychiater Abram Hoffer im Urin psychiatrischer Patienten eine Substanz, die er wegen ihrer Färbung im Labortest „Mauve-Faktor“ nannte. Später wurde sie chemisch genauer bestimmt und heißt heute Hydroxyhemopyrrolin-2-on, kurz HPL. Im deutschsprachigen Raum kennt man das Ganze als Stoffwechselstörung HPU oder Hämopyrrollaktamurie.

Die angenommene Kette sieht so aus: Dieses Molekül bindet im Körper Zink und Vitamin B6 an sich. Was gebunden ist, wird über den Urin ausgeschieden. Und was ausgeschieden wird, steht für andere Aufgaben nicht mehr zur Verfügung.

Wenn diese Kette zutrifft, dann fehlen ausgerechnet die beiden Stoffe, die du für den zweiten Schritt der Serotoninbildung brauchst. Und nicht nur dafür — Zink und B6 sind an Hunderten von Reaktionen beteiligt, unter anderem an denen, mit denen der Körper Schwermetalle bindet und ausleitet.

Das würde erklären, warum bei betroffenen Menschen so vieles gleichzeitig nicht rund läuft. Nicht, weil sie sich zu wenig anstrengen, sondern weil ihnen fortlaufend Werkzeug abhandenkommt. Das wird in der gängigen Literatur zur HPU und psychischen Erkrankungen ausführlich beschrieben.

An dieser Stelle die Einordnung, die dazugehört.

HPU ist noch immer keine anerkannte Diagnose. Der Test wird von den Krankenkassen nicht bezahlt, er steht in keiner Leitlinie, und wer ihn machen lässt, tut das außerhalb dessen, was die Schulmedizin vorsieht. Die kontrollierten Studien dazu sind wenige und uneinheitlich.

Es ist also eine Hypothese — eine, die seit über sechzig Jahren im Raum steht und die von Ärztinnen und Therapeuten ernst genommen und getestet wird.

Ich schreibe darüber, weil ich selbst betroffen bin. Ein positiver HPU-Test und zusätzlich Mängel von B6 und Zink im Vollblut ergänzten hier meine „Diagnose“.

Was mich hier absolut nicht loslässt: Innerhalb einer einzigen Familie mit derselben Ausscheidung, denselben Mängeln und denselben Voraussetzungen entwickelt der eine eine Angststörung, die nächste eine Autoimmunerkrankung, der übernächste etwas ganz anderes.

Dieselbe Grundlage, völlig verschiedene Bilder.

Ich kann dir nicht sagen, warum das so ist. Da kommt niemand richtig hinterher.

Genetische Veranlagungen, Familiensysteme, Traumata und der Lebensstil werden hier eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Genau deshalb ist mir dieser Artikel wichtig. Es geht nicht darum, die eine Ursache zu finden. Es geht darum, die Zusammenhänge zu kennen.

Denn das ist der Unterschied zwischen „mein Körper macht, was er will“ und „ich weiß, an welchen Stellen ich ansetzen kann“. Das eine ist Ohnmacht. Das andere ist eine Art Gewissheit — auch dann, wenn nicht alles geklärt ist.

Was unabhängig von jeder HPU-Frage gesichert ist: Ein Mangel an Vitamin B6 oder Zink bremst die Serotoninbildung und kann so einen Serotoninmangel begünstigen. Beides kann man messen lassen. Und genau damit würde ich anfangen, bevor ich mich mit umstrittenen Tests beschäftige.

Warum dein Arzt nach dem Schlaf fragt

Ein letzter Punkt zu dieser Kette, der viel erklärt.

Aus Serotonin macht dein Körper nachts Melatonin — das Hormon, das den Schlaf einleitet. Das ist keine getrennte Baustelle, sondern dieselbe Produktionsstraße, nur ein paar Schritte weiter.

Damit das funktioniert, braucht es zusätzlich Dunkelheit am Abend und Tageslicht am Morgen, denn darüber stellt sich der Rhythmus ein.

Und daraus folgt etwas Logisches: Wenn am Anfang der Straße zu wenig ankommt, fehlt es am Ende auch. Ein Serotoninmangel zeigt sich deshalb oft zuerst nachts. Und deshalb treten Schlafprobleme und gedrückte Stimmung so oft gemeinsam auf — und deshalb fragt jede Ärztin bei entsprechenden Beschwerden nach dem Schlaf.

Es sind nicht zwei Probleme. Es ist ein Stoffwechselweg.

Die fünfte Ursache: Wie Entzündung einen Serotoninmangel auslöst

Nehmen wir an, du isst genug Tryptophan und deine Cofaktoren stimmen. Dann müsste doch alles laufen?

Nicht unbedingt. Denn Tryptophan kann zwei verschiedene Wege gehen.

Der eine führt zu Serotonin. Der andere heißt Kynurenin-Weg. Es ist wie eine Weiche im Gleisnetz: Kommt Tryptophan an, entscheidet sich, in welche Richtung es weiterfährt.

Und diese Weiche ist nicht fest eingestellt. Sie wird gestellt — unter anderem von Entzündung.

Bei anhaltender niedriggradiger Entzündung wird ein Enzym namens Indolamin-2,3-Dioxygenase aktiviert. Dieses Enzym verschiebt den Tryptophan-Abbau weg von der Serotoninbildung hin zum Kynurenin-Weg.

Im Klartext: Es ist genug Baustein da. Er wird nur woanders hingeleitet. Ein Serotoninmangel entsteht hier also nicht aus Rohstoffmangel, sondern durch Umleitung.

Zwei Wirkungen, eine Ursache

Wenn es dabei bliebe, wäre es schon bemerkenswert genug. Aber es geht weiter.

Auf dem Kynurenin-Weg entstehen Stoffwechselprodukte, die selbst am Gehirn wirken. Manche davon sind schützend. Andere nicht.

Eines heißt Chinolinsäure. Und Chinolinsäure ist ein NMDA-Rezeptor-Agonist — sie aktiviert also Rezeptoren, an denen sonst Glutamat andockt.

Glutamat ist der wichtigste erregende Botenstoff im Gehirn. Wenn du so willst: das Gaspedal. Sein Gegenspieler heißt GABA, die Bremse.

Ein Ungleichgewicht zwischen den schützenden und den erregenden Stoffwechselprodukten trägt dazu bei, dass dieses Glutamatsystem aus dem Takt gerät.

Damit hast du zwei Effekte aus derselben Ursache:

Weniger Baustein für Serotonin — also ein Serotoninmangel. Und mehr Druck aufs Gaspedal.

Das erklärt etwas, das viele Frauen beschreiben und das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: erschöpft und gleichzeitig aufgedreht. Der Körper ist müde, aber das System kommt nicht runter. Gas und Bremse funktionieren beide nicht mehr richtig.

Und der Darm sitzt mittendrin

Es gibt noch einen Grund, warum dieser Zusammenhang für dich wichtig ist.

Rund 90 Prozent des körpereigenen Serotonins entstehen nicht im Gehirn, sondern in speziellen Zellen des Darms. Darmbakterien sind an der Bildung von Botenstoffen wie Serotonin, Dopamin und GABA beteiligt.

Wenn dein Darm gereizt ist, wenn die Bakterienzusammensetzung aus dem Gleichgewicht geraten ist, wenn dort eine stille Entzündung schwelt — dann betrifft das nicht nur deine Verdauung, sondern kann auch einen Serotoninmangel begünstigen.

Es ist derselbe Stoffwechsel. Dieselbe Weiche. Mehr dazu findest du in meinen Beiträgen zu den ganzheitlichen Ursachen von Angst und Erschöpfung.

Die ehrliche Einordnung

Und jetzt der Teil, den du in den meisten Artikeln zu diesem Thema nicht findest.

Der Mechanismus, den ich dir gerade beschrieben habe, ist gut untersucht und plausibel. Die Messwerte bei Betroffenen sind es nicht in gleichem Maße.

Eine Meta-Analyse fand beispielsweise erniedrigte Kynureninwerte bei Menschen mit unipolarer Depression — allerdings waren die eingeschlossenen Studien erheblich unterschiedlich, und bei den Tryptophanspiegeln sowie beim Verhältnis von Kynurenin zu Tryptophan zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Eine größere Auswertung mit 35 Studien und über 4600 Teilnehmern fand hingegen reduzierte Tryptophanwerte bei Depression und bipolarer Störung.

Das heißt: Die Richtung stimmt. Die Zahlen sind uneinheitlich.

Was du daraus mitnehmen kannst, ist kein Beweis dafür, dass ein Serotoninmangel deine Beschwerden erklärt. Es ist eine andere Blickrichtung.

Was das für deinen Serotoninmangel bedeutet

Die Frage verschiebt sich.

Statt „Wie bekomme ich mehr Serotonin?“ lautet sie „Was stellt bei mir gerade die Weiche?“ Und darauf gibt es Antworten, die nichts mit Tabletten zu tun haben — stille Entzündungen, ein gereizter Darm, fehlende Bausteine, ein Nervensystem, das seit Jahren im Alarmmodus läuft.

Das ist der Grund, warum einzelne Maßnahmen gegen einen Serotoninmangel oftmals nicht langfristig wirken, bestenfalls kurze Entlastung bringen. Darmsanierung, während das System weiter im Daueralarm läuft. Mikronährstoffe ausgleichen, die der Darm gar nicht aufnehmen kann.

Manchmal findet man trotz gewissenhafter Suche die eine Ursache trotzdem nicht. Jeder Körper ist anders. Manche Zusammenhänge lassen sich nicht auflösen, sondern nur entlasten.

Die Entscheidung, Medikamente unterstützend einzunehmen, gehört jedem selbst und sollte mit einem Arzt oder einer Ärztin abgewogen werden.

Was doch aber immer einen Blick wert ist, ist, dass ein Serotoninmangel körperliche Ursachen haben kann, die sich messen lassen. Dass deine Beschwerden real sind. Dass es Erklärungen gibt, die über „psychisch“ oder „psychosomatisch“ hinausgehen. Und dass es einen Unterschied macht, ob du an einer Stelle ziehst oder das Ganze im Blick hast.

Wenn du an einer Stelle anfangen willst: In meinem kostenlosen Guide „Dein Anker in stürmischen Zeiten“ findest du 40 Techniken, die in weniger als fünf Minuten Entlastung für dein Nervensystem und deinen Körper bringen. Sie lösen keine Ursachen — aber sie verschaffen dir Luft, während du nach ihnen suchst.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder heilpraktische Beratung. Bitte kläre gesundheitliche Beschwerden sowie die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einer Fachperson ab.

Quellen

ACMG Practice Guideline (2013): Lack of evidence for MTHFR polymorphism testing. Genetics in Medicine. doi:10.1038/gim.2012.165 — Häufigkeit der homozygoten Variante
Homocysteine and MTHFR Mutations. Circulation — Enzymaktivität bei heterozygoter und homozygoter Variante
Warren B, Sarris J, Mulder RT, Rucklidge JJ (2021): Pyroluria: Fact or Fiction? J Altern Complement Med 27(5):407–415. doi:10.1089/acm.2020.0151
Sherwin A, Shaw IC (2023): Sixty years of conjecture over a urinary biomarker. Laboratory Medicine. doi:10.1093/labmed/lmad086
Bakshi A, Tadi P: Physiology, Serotonin. StatPearls, NCBI Bookshelf NBK545168 — Cofaktoren BH4 und Vitamin B6, BH4-Recycling über den Folsäure-Stoffwechsel
Tyrosine and tryptophan hydroxylases as therapeutic targets in human disease (2017), doi:10.1080/14728222.2017.1272581 — Tryptophan-Hydroxylase benötigt BH4, Sauerstoff und Fe2+
Correia AS, Vale N (2022): Tryptophan Metabolism in Depression: A Narrative Review with a Focus on Serotonin and Kynurenine Pathways. Int J Mol Sci. doi:10.3390/ijms23158493
Arnone D et al. (2018): Role of Kynurenine pathway and its metabolites in mood disorders: A systematic review and meta-analysis of clinical studies. Neurosci Biobehav Rev. PMID 29940237
Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zum Tryptophan-Katabolit-Weg bei Depression und bipolarer Störung (35 Studien, 4647 Teilnehmer), PMC9563030

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